Geschichte
Der Wintersportverein Brotterode kann auf eine über 120-Jährige, bewegte Geschichte zurückblicken.
Hier erfahrt ihr, wie sich Brotterode zu einem beliebten Zentrum des Wintersports entwickelt hat:
Von großen Sportveranstaltungen über die Nachwuchsarbeit bis hin zu Teilnahmen an olympischen Spielen.
Chronik des Wintersports in Brotterode
1880er Jahre
Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts berichten Zeitzeugen von ersten Aktivitäten im Schnee. So nutzten Kinder schon im Jahr 1885 die winterlichen Bedingungen am Seimberg zum Schlittenfahren, was als einer der frühesten Belege für den Wintersport in der Region gilt.



1900er Jahre
Ein entscheidender Meilenstein folgte am 14. Februar 1905 mit der Gründung des ersten Wintersportvereins Brotterode im „Hotel zur Post“. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Dr. Friedrich Mansfeld, Hermann Schwarzkopf, Friedrich Wilhelm sowie Lothar Malsch, der durch seine Tätigkeit in Norwegen moderne Skier in die Region brachte. Dr. Mansfeld wurde zum ersten Vorsitzenden gewählt. Bereits am Tag der Gründung kam es auf der Festwiese am Seimberg zu ersten Skisprungvorführungen durch die norwegischen Skilehrer Grönedahl und Orre, die Sprünge von bis zu 18 Metern zeigten.
In den folgenden Jahren entwickelte sich der Wintersport rasant. Es entstanden erste Sportanlagen wie eine Sprungschanze sowie Rodel- und Bobbahnen. Am 4. März 1906 wurden die ersten Langläufe über 1,5 und 3 Kilometer am Großen Inselberg ausgetragen. Bis 1914 fanden jährlich Wintersportmeisterschaften statt. Ein weiteres bedeutendes Sportfest wurde am 6. Januar 1907 unter Leitung von Oberleutnant Orre organisiert, an dem über 100 Sportler teilnahmen. Auch das erste Bobrennen wurde am 9. Februar 1908 durchgeführt.
Ein wichtiger Schritt war die Einführung des organisierten Skikurses vom 8. bis 11. Januar 1909 unter Leitung des Norwegers Osbjörn Osgaart. Zu diesem Zeitpunkt zählte der Verein bereits 140 Mitglieder. Am 21. Februar 1909 fand ein großes Wintersportfest statt, bei dem zahlreiche Brotteroder Athleten erfolgreich waren. Besonders hervorzuheben ist Karl Engel, der den 18-Kilometer-Langlauf gewann.
1910er Jahre
Auch organisatorisch gewann der Wintersport an Bedeutung. Am 10. Dezember 1910 fand die Hauptversammlung des Thüringer Wintersportverbandes in Brotterode statt. 1911 wurde ein staatlicher Wintersportkurs durchgeführt. Weitere Wettkämpfe folgten, darunter die Veranstaltungen im Januar 1913 mit zahlreichen Erfolgen der heimischen Sportler. Ein Höhepunkt war die erste Thüringer Meisterschaft im Rodeln am 18. Januar 1914.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Wintersport neu belebt. Am 6. November 1919 beschlossen engagierte Sportler den Bau einer neuen Sprunganlage. Als Standort wurde der Nordhang des 803 m hohen Seimberges ausgewählt und bestätigt.

1920er Jahre
Mit finanzieller Unterstützung von 20.000 Reichsmark durch Landrat Dr. Hagen entstand die sogenannte „Hagenschanze“, die 1923 fertiggestellt wurde. Bereits zuvor fanden Wettkämpfe statt und am 18. Februar 1922 wurde die Schanze offiziell eingeweiht. Der kritische Punkt dieser Anlage betrug 40 m bei einer Aufsprungneigung von 34 Grad.
In den 1920er Jahren erlebte der Wintersport in Brotterode eine neue Blüte. Zahlreiche Wettkämpfe wurden durchgeführt, darunter die erste Skimeisterschaft des Inselberggaues am 31. Dezember 1923. Sportler wie Otto Mühlhausen und Rudolf Lesser prägten diese Zeit mit herausragenden Leistungen. Besonders Rudolf Lesser entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Skispringer seiner Zeit und erzielte bereits 1927 eine Weite von 52 Metern.
1929 war ein besonders bedeutendes Jahr: Brotterode war Austragungsort der ersten Thüringer Meisterschaften im Spezialsprunglauf und in der Nordischen Kombination. Rudolf Lesser gewann beide Disziplinen. Gemeinsam mit Oskar Fuchs nahm er an einer internationalen Springertournee in Österreich teil. Auch bei weiteren Wettbewerben im In- und Ausland erzielten Brotteroder Sportler beachtliche Erfolge.
1930er Jahre
Ein Höhepunkt der Vorkriegszeit war das internationale Skispringen am 18. Februar 1931. Rund 15.000 Zuschauer (für die damalige Zeit unvorstellbar viele) verfolgten das Event, bei dem internationale Spitzenathleten aus Norwegen und Österreich antraten. Der Norweger Knut Kobberstad gewann den Wettbewerb, während Rudolf Lesser den dritten Platz belegte. Besonders erwähnt werden muss Kraftmuth Deubner (unter dem Namen Bubi bekannt), der schon damals als Zehnjähriger 28 m auf der Großschanze sprang. Bei diesem ersten Internationalen Sprunglauf wurde er für den Eröffnungssprung ausgewählt.
Dieses Ereignis unterstrich die internationale Bedeutung Brotterodes im Wintersport. An diesem Tag war Brotterode mit Schneefiguren, Girlanden und Fahnen festlich geschmückt. Bis 1937 fanden weitere bedeutende Wettkämpfe statt.




1940er Jahre
Der Zweite Weltkrieg brachte den Sportbetrieb weitgehend zum Erliegen und forderte zahlreiche Opfer unter den Sportlern. Viele bekannte Athleten wie Albin Fuchs, Oskar Fuchs und Karl Engel kehrten nicht aus dem Krieg zurück. Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau des Wintersports durch die Sportfreunde, die aus dem Krieg zurückkehrten. Bereits am 29. Februar 1948 fand wieder eine Wintersportveranstaltung statt. Am 10. Mai 1949 wurde die Sparte Wintersport in der Sportgemeinschaft Inselberg gegründet. Vorsitzender wurde Hermann Vogt. In den folgenden Jahren entwickelten sich neue Strukturen, darunter die Betriebssportgemeinschaften Motor und Stahl Brotterode.
1950er Jahre
Die sportlichen Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Bei den Thüringer Landesmeisterschaften 1950 sowie den DDR-Meisterschaften 1952 erzielten Brotteroder Athleten zahlreiche Titel. Werner Lesser II, Adolf Schmidt und Gerda Mühlhausen gehörten zu den erfolgreichsten Sportlern dieser Zeit.
1956 wurde der ASK Brotterode gegründet.
Ein bedeutender Meilenstein war die Teilnahme von Werner Lesser an den Olympischen Winterspielen 1956 in Cortina d’Ampezzo. Kurz darauf gewann er als erster DDR-Skispringer die Skiflugwoche am Kulm. In den folgenden Jahren stellte Brotterode einen Großteil der DDR-Nationalmannschaft im Skispringen.
1957 stellte Brotterode alleine 5 von 10 Skispringern der DDR-Nationalmannschaft. Ein besonderes Erlebnis war Ostern 1957 beim internationalen Feldbergspringen, als Werner Lesser, Horst Lesser, Hugo Fuchs, Manfred Münch und Adolf Baldauf für die DDR an den Start gingen. Dies verleitete Robert Engel zu der Frage: „Wer stellt denn eigentlich die stärkste Nation beim Feldbergspringen? Und als Antwort kam: „Na, Brotterode!“





1960er Jahre
1964 nahm Brotterode mit Diether Bokeloh, Dieter Neuendorf und Kurt Schramm an den Olympischen Spielen in Innsbruck teil. Bokeloh wurde Vierter, Neuendorf Fünfter. Neuendorf gewann 1966 zudem die Silbermedaille bei den Weltmeisterschaften in Oslo. Weitere Erfolge folgten, darunter Weltrekorde durch Peter Lesser am Kulm mit 141 m (1962) und 145,5m (1965) sowie Manfred Wolf in Planica mit 165m (1969).
1970er Jahre
In den 1970er Jahren erreichte der Wintersport in Brotterode einen weiteren Höhepunkt. Axel Lesser belegte bei den Olympischen Spielen in Sapporo einen hervorragenden sechsten Platz im Langlauf. 1974 wurde Hans-Georg Aschenbach Doppelweltmeister, und 1976 gewann er olympisches Gold in Innsbruck. Jochen Danneberg sicherte sich dort die Silbermedaille.





1980er–1990er Jahre
Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb Brotterode im internationalen Wintersport präsent. Sportler wie Martin Weber, Ingo Lesser und Ralph Gebstedt erzielten Erfolge bei Weltmeisterschaften und Weltcups. Besonders hervorzuheben ist Gebstedts Sieg beim Skifliegen in Planica 1991.
Im Sommer 1994 begann eine neue Ära des WSV Brotterode: Der Deutsche Skiverband stellte die Anfrage zur Durchführung eines internationalen Continental-Cup-Sprunglaufes. Der erste COC fand am 10. Dezember 1995 auf der Inselbergschanze statt. Seitdem ist Brotterode jährlich Gastgeber einer internationalen Skisprunggroßveranstaltung mit meist tausenden Zuschauern.
2000er Jahre bis heute
Trotz struktureller Veränderungen, wie der Verlagerung des ASK Brotterode nach Oberhof im Jahr 1977, blieb die Nachwuchsarbeit ein zentraler Bestandteil des Vereins. Bis heute wurden zahlreiche Talente an die Sportschulen delegiert. Im Jahr 2005 wurde das 100-Jährige Vereinsjubiläum mit einer großen Festveranstaltung gefeiert.
Am 09. Oktober 2009 wurden die sanierten Kinder- und Jugendschanzen in der Arena am Seimberg eingeweiht. Seit diesem Tag trägt das zu Hause unseres Vereins den Namen „Werner-Lesser-Skisprungarena“. 2016 wurde die Arena mit einer 500 Meter langen, asphaltierten Skirollerstrecke ausgestattet. 2025 begannen die Arbeiten zur erneuten Sanierung der Kinder- und Jugendschanzen. Zudem wurde mit dem Abriss des Stahlturmes von 1969 der Bau der neuen Inselbergschanze begonnen. Erstmals seit 36 Jahren nahm 2026 mit Finja Eichel wieder eine Sportlerin unseres Vereins an einer Juniorenweltmeisterschaft teil.
Heute trainieren etwa 30 Kinder in verschiedenen Altersklassen in unserem Verein. Wir sind eines von nur zwei Winter-Talentleistungszentren Ski Nordisch des Thüringer Skiverbandes. Unsere Stadt hat über Jahrzehnte hinweg eine beeindruckende Anzahl an Weltmeistern, Olympiasiegern und Medaillengewinnern hervorgebracht. Diese Tradition wird bis heute fortgeführt: durch engagierte Nachwuchsarbeit und die Organisation nationaler und internationaler Wettkämpfe bleibt Brotterode ein bedeutender Standort des Wintersports.
Wettbewerbe mit Beteiligung des WSV Brotterode
Über die Jahrzehnte waren viele Athletinnen und Athleten aus Brotterode bei interationalen Großberanstaltungen erfolgreich.
Darüber hinaus waren einige Brotteröder als Offizielle, Trainer, Sprungrichter, Physiotherapeuten und Co. im Einsatz.
Juniorenweltmeisterschaften
Jahr | Athlet | Ort | Platzierung |
|---|---|---|---|
1968 | Peter Wabersich | Les Rousses | 22. Platz |
1969 | Hans-Georg Aschenbach | Bollnäs | Weltmeister |
1971 | Jochen Danneberg | Nesselwang | 3. Platz |
1972 | Martin Weber | Tarvisio | 7. Platz |
1978 | Frank Herbert | Murnau | 4. Platz |
1980 | Holger Krettek | Ölskensvig | 14. Platz |
1983 | Ingo Lesser | Kuopio | Teilnehmer |
1984 | Ingo Lesser | Trondheim | 9. Platz |
1988 | Ralph Gebstedt | Saalfelden | 2x 6. Platz |
1989 | Ralph Gebstedt | Hamar | 19. Platz |
1990 | Ralph Gebstedt | Strebske Pleso | 21. Platz |
2012 | Julia Bartolmäs (für WSV Oberhof) | Kontiolahti | Weltmeisterin Jugend (Biathlon) |
2026 | Finja Eichel | Lillehammer | 14. Platz |
Weltmeisterschaften
Jahr | Athlet | Ort | Platzierung |
|---|---|---|---|
1931 | Adolf Engel,
Rudolf Lesser,
Oskar Fuchs | Oberhof | |
1954 | Werner Lesser | Falun | 54. Platz |
1958 | Werner Lesser,
Hugo Fuchs,
Adolf Baldauf | Lahti | 8. / 49. Platz |
1962 | Kurt Schramm / Peter Lesser | Zakopane | 11. & 15. / 5. Platz |
1966 | Dieter Neuendorf / Peter Lesser | Oslo | Vizeweltmeister / 9. |
1974 | Hans-Georg Aschenbach | Falun | Doppelweltmeister |
1978 | Jochen Danneberg / Martin Weber | Lahti | 2x 8. / 16. |
1989 | Ingo Lesser | Lahti | |
1995 | Ralph Gebstedt | Thunder Bay |
Olympische Winterspiele
Jahr | Ort | Athlet | Platzierung |
|---|---|---|---|
1936 | Garmisch-Partenkirchen | Otto Brandt | Einspringer |
1956 | Cortina d'Ampezzo | Werner Lesser | 8. Platz |
1960 | Squaw Valley | Werner Lesser | 20. Platz |
1964 | Innsbruck | Dieter Neuendorf | 5. & 8. Platz |
1964 | Innsbruck | Diether Bokeloh | |
1964 | Innsbruck | Kurt Schramm | 4. Platz |
1968 | Grenoble | Dieter Neuendorf | 7. & 15. Platz |
1972 | Sapporo | Manfred Wolf | 5. Platz |
1972 | Sapporo | Hans-Georg Aschenbach | 31. Platz |
1972 | Sapporo | Axel Lesser | 6. Platz 5 Km Langlauf |
1976 | Innsbruck | Hans-Georg Aschenbach | Olympiasieger und 7. Platz |
1976 | Innsbruck | Jochen Danneberg | Silbermedaille und 4. Platz |
1976 | Innsbruck | Dietmar Aschenbach | |
1976 | Innsbruck | Axel Lesser | Staffel in Führung liegend ausgeschieden nach Kollision |
1980 | Lake Placid | Martin Weber | 11. Platz |
1980 | Lake Placid | Jochen Danneberg | 20. Platz |
Teilnehmer bei Großevents in offizieller Funktion
Folgende Mitglieder unseres Vereins waren als Offizielle, Trainer, Sprungrichter, Physiotherapeuten und Co. im Einsatz:
Hugo Peter als Trainer der Skispringermannschaft Jugoslawiens u.a. bei Olympia in Innsbruck 1964
Werner Lesser als Sprungtrainer der DDR u.a. bei den Olympischen Spielen 1964,1968 und 1980
Dieter Neuendorf als Auswahltrainer der DDR u.a. bei den Olympischen Spielen 1972 und 1976
Fritz Sommer als Physiotherapeut bei Olympia in Sapporo 1972
Jochen Danneberg als Trainer Koreas u.a. bei Olympia in Salt Lake City 2002
Niclas Fuchs als Stadionsprecher bei der Nordischen Ski WM in Oberstdorf 2021 und der Biathlon WM Oberhof 2023
Christian Köhler als Ski-Techniker der Nationalmannschaft Nordische Kombination u.a. bei Olympia in Cortina 2026
Maik Stielow als Sprungrichter u.a. bei der Juniorenweltmeisterschaft in Lillehammer 2026

Skimuseum
Im Kampfrichterturm der Inselbergschanze befindet sich ein kleines Museum mit einzigartigen Exponaten aus der bewegten Geschichte unseres Vereins. Von Trophäen über Sprunganzüge bis hin zu den originalen Weltrekord-Skiern von Manfred Wolf. Das Museum kann im Rahmen einer Schanzenführung besichtigt werden.
Aktuell befindet sich das Museum in der Überarbeitung.












